Geschichte der Orgeln und Organisten in der Stiftskirche Freckenhorst


Die Geschichte der Orgeln in der Stiftskirche Freckenhorst lässt sich über mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen, wenn auch die Anfänge nur lückenhaft dokumentiert sind.
1552 wird in den Ausgaben einer Kirchenrechnung das Vorhandensein einer Kirchenorgel erwähnt. 1607 musste die Orgel, die sich im nördlichen Kreuzarm befand, durch einen unbekannten Orgelbauer instandgesetzt werden. Vom Kirchspiel war der für damalige Verhältnisse große Betrag von 30 Reichstalern beigesteuert worden.
Organisten lassen sich in Freckenhorst seit dem 17. Jahrhundert nachweisen. Ein kirchlicher Visitationsbericht von 1626, also aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, hält protokollarisch fest, dass die vorhandene Orgel nur ungenügend versorgt wurde und es weder einen Kalkanten noch einen Verwahrer gab. Der Ludimagister Jodocus Preckel berichtet den Visitatoren, dass er auch Orgel spielen müsse. Er ist damit der erste namentlich bekannte Organist in Freckenhorst.
Nach dem Niedergang des kirchlichen Lebens während des dreißigjährigen Krieges besserte sich unter der Äbtissin Claudia Seraphica von Wolkenstein-Rodeneck das Kirchenwesen in Freckenhorst. Im Westchor wurde im Jahre 1651 eine Orgelbühne errichtet. 1657 wurde mit dem Bielefelder Meister Hans Henrich Reinking der Neubau einer Orgel vereinbart, die um 1661 fertiggestellt war.
Am 10.11.1706 wurde wegen zunehmender Störanfälligkeit des Instruments mit dem Orgelbauer Henrich Mencke aus Beckum ein Vertrag zum Orgelneubau abgeschlossen; 1711 war das Instrument fertiggestellt. Die Kosten von 795 Reichstalern wurden von mehreren Kanonikern, aber auch zahlreichen Freckenhorster Privatpersonen, u.a. auch durch Kollekten, aufgebracht. Der Orgelprospekt wurde gestiftet von der Äbtissin Hedwig von Korff-Sutthausen. Mencke hatte die alte Reinking-Orgel für 20 Rtlr. In Zahlung genommen, durfte aber von diesem Instrument keine Teile für den Neubau verwenden. Es entstand eine zweimanualige Orgel mit insgesamt 19 Registern, die auf ein Hauptwerk mit elf Registern und ein Rückpositiv verteilt waren. Es fehlte ein selbständiges Pedalwerk. Das Hauptwerk verfügte über eine Springlade, das Rückpositiv über eine Schleiflade. Der Prinzipalchor auf 8`- Basis wurde nach unten durch einen Bordun 16` erweitert und im Diskant mit 3 Mixturen (Sesquialter 3fach, Mixtur und Zimbel) abgeschlossen. Im Rückpositiv disponierte Mencke neben den Prinzipalchor auf 4`-Basis bis zur Quinte 1-1/2` ein Gedackt 8`, die in Westfalen gern gebrauchte Flaut douce 4`, dazu Krummhorn 8` und als Klangkrone die Mixtur. Die Freckenhorster Orgel war vermutlich das erste Instrument, das Mencke anfertigte. Bis zum Jahr 1744 war das Freckenhorster Instrument in der Pflege der Orgelbauerfamilie Mencke.
In den Folgejahren waren mehrfach Reparaturen erforderlich (u.a. auch durch Rattenplagen), aber auch Neustimmungen, Ergänzungen und Umbauten. Eine wesentliche Veränderung der Mencke-Orgel erfolgte 1785 durch den Münsteraner Orgelbauer und Domorganisten Franz Adolph Schöningh. Er fügte der Orgel als selbständige Pedalstimme eine Posaune 16` hinzu und nahm eine Änderung der Disposition vor. Von der Äbtissin Äbtissin Franziska Lucia von Korff wurden zu dieser Zeit für die „Illumination“ der Orgel (farbiger Anstrich, vermutlich im Stil der Zeit weiß mit Gold) 100 Taler an einen Meister Sporing gezahlt.
Größere Veränderungen erfolgten 1841 – 1843 durch den in Warendorf wohnenden Orgelbauer Franz Henrich Pohlmann. Er entfernte bei dieser Maßnahme das Rückpositiv und richtete im umgestalteten Hauptwerksgehäuse ein Positiv als Nebenwerk ein. Dabei entfernte er auch die alten Windladen und ersetzte diese durch neue Schleifladen.
Aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts wird über jährliche Stimmungen der Orgel – bis 1837 – durch den Organisten Bernhard Klostermann berichtet, der 1849 verstarb. Die Stelle wurde mit dem Organisten Ignatz Ahlers aus Bocholt besetzt. 1872 wurde durch ihn der Pfarr-Cäcilienchor gegründet, zunächst als Vereinigung sangesfreudiger Männer. 1876 entstand durch die Förderung des musikliebenden Kaplans und späteren Pfarrverwalters Dr. Sprickmann-Kerkerinck ein gemischter Chor aus Knaben- und Männerstimmen. 1882 wurde die Chorleiterstelle an der Stiftskirche gegründet, die fortan mit der Organistenstelle verbunden blieb. Als erster trat sie der ehemalige Militärmusiker Franz Lenz an. Er leitete den Chor 45 Jahre lang und führt ihn zu großer überregionaler Anerkennung. Das Notenmaterial schrieb er zum großen Teil selbst. Unter ihm wurde 1907 erstmalig die Krüßingmesse mit Orchesterbegleitung gesungen. Dieser Brauch, im Festhochamt des Krüßingfestes eine Orchestermesse zu singen, wurde beibehalten und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem ständigen kirchenmusikalischen Höhepunkt für Freckenhorst und Umgebung.
Noch durch eine Initiative von Ignatz Ahlers eingeleitet erfolgte 1891 ein erneuter Umbau der Orgel für 3.000 Mark. Sie wurde durch den Orgelbauer Friedrich Fleiter aus Münster auf 23 Register und ein reicher besetztes Pedalwerk erweitert. Bearbeitungen durch diese Firma lassen sich bis 1932 nachweisen.
Von 1927 bis 1942 wirkte Alfred Breitenstein als Organist und Chorleiter. Unter seiner Ägide fällt Anfang der 1940-er Jahre der Zusammenschluss des schon vorhandenen Damenchores mit dem Kirchenchor. Breitenstein begleitete auch den erneuten Umbau der alten Mencke-Orgel in den Jahren 1936-1937 durch die Firma Breil (Dorsten). Das nun dreimanualige Instrument verfügte über 36 Register auf elektropneumatischen Kegelladen, wobei zunächst einige historische Pfeifenreihen übernommen wurden. Bereits kurz nach der Orgelweihe am 25. April 1937 wurden aber nachträglich einige alte Register gegen neue Pfeifenreihen eingetauscht.
1943 übernahm Bernhard Enk sen. aus Homberg am Niederrhein die Stelle des Chorleiters und Organisten. Ihm folgt nach Rückkehr aus der Gefangenschaft 1946 sein Sohn Bernhard Enk jun. In seiner Zeit wurden im Zuge der Umgestaltung der Stiftskirche zwischen 1957 und 1963 das alte Instrument und die Orgelempore entfernt, um die romanischen Arkadenöffnungen aus der Erbauungszeit der Kirche freizulegen. Der bisherige barocke Orgelprospekt sollte ursprünglich für die Dominikanerkirche in Münster bereitgestellt werden, wurde dann aber zunächst bei der Orgelbaufirma Breil eingelagert, die auch den Orgelneubau im nördlichen Kreuzarm der Kirche ausführte. Dabei wurde kein altes Material aus dem Vorgängerinstrument verwendet. Die neue Orgel wurde am 26. Juli 1964 eingeweiht (s. auch Artikel „Die (alte) Breil-Orgel“).
Ein Teil der alten Orgelpfeifen wurde an die St. Andreaskirche in Essen verkauft. Der noch erhaltene barocke Hauptwerksprospekt von 1711, der in seiner Gestaltung der norddeutschen Schule um Arp Schnitger zugesprochen werden kann, wurde beim Orgelneubau in der Dionysus-Kirche in Nordwalde (1996 – 2000) in die Pfarrkirche eingebaut, ergänzt um ein stilistisch passendes Rückpositiv. Durch den Orgelbauer Dieter Bensmann wurde im Inneren ein neues Orgelwerk als Rekonstruktion einer westfälischen Barockorgel eingebaut – in der dort durchgeführten Konsequenz ein Novum für das Münsterland.
Der Cäcilienchor erlebte unter der Leitung von Bernhard Enk jun. in der Nachkriegszeit einen großen Aufschwung; zeitweilig zählte er über 100 aktive Sängerinnen und Sänger. Nach seinem altersbedingten Ausscheiden 1983 übernahm Heribert Pieper die Organistenstelle, der sie bis 1992 innehatte. Ihm folgte ab 01.08.1992 Ulrich Grimpe. Da die Breil-Orgel zunehmend Verschleißerscheinungen zeigte, erfolgte in seiner Zeit 1994-1995 eine grundlegende Überholung und Reinigung mit einem Kostenaufwand von 100.000 DM. Dabei wurden einige Pfeifenfüße verstärkt. Im Hauptwerk wurde eine Schwellwand eingeführt und eine Dispositions-Umstellung im ersten Manual vorgenommen. Ein 8-Fuß-Register (Flute traversiere) aus dem noch erhaltenen Pfeifenwerk der Vorgänger-Orgel wurde 2001 in das Haupt-Manual im Austausch gegen ein altes Register eingefügt.
2003 wechselte Ulrich Grimpe zum Bistum auf die Stelle des Leiters des Referats Kirchenmusik. Vom ihm übernahm am 01.04.2003 Martin Geiselhart das Amt des Stiftskantors bis zum 31.08.2016. Am 01.04.2017 trat mit Agata Lichtscheidel aus Sendenhorst zum ersten Mal eine Frau die Stelle des Organisten und Chorleiters in Freckenhorst an.
Da die Breil-Orgel in den letzten Jahren wieder zunehmende Verfallserscheinungen zeigte, insbesondere massiven Schimmelbefall, starke Verschmutzung, Verschleiß der Windkanäle und Verformungen bei den Pfeifen, wurde im Kirchenvorstand über eine erneute Renovierung diskutiert. Aufgrund der Gesamtschäden entschied man sich letztlich für einen Neubau unter Verwendung alter Bauteile. Bei der Vorbereitung sollten wegen des Finanzierungsaufwandes neben der Kirchengemeinde und dem Bistum alle Freckenhorster, auch die Verbände und Vereine, mit einbezogen werden. Für den entsprechenden organisatorischen Rahmen wurde hierzu Ende 2014 der Orgelbauverein gegründet (s. unter „Rückblick“). Für die Umsetzung erhielt nach Sichtung mehrerer Angebote die Orgelbaufirma Seifert aus Kevelaer den Zuschlag. Nach ausgiebigen Vorarbeiten in der Kirche (Bodenarbeiten mit Erstellung eines feuchtigkeitshemmenden Fundaments und neuer Anstrich im Nord-Querschiff der Stiftskirche) wurde das Instrument im Herbst 2017 aufgebaut und intoniert. Die Einweihung erfolgte am 2. Dezember 2017.

Quellen:
Julius Schwieters: Das Kloster Freckenhorst und seine Äbstissinen, Warendorf, 1903
Ders.: Nachrichten über Freckenhorst, Hrsg. Wilhelm Grabe unter Mitarbeit von Walter Schüller

Festschrift 1100 Jahre Freckenhorst, 1951

Festschrift 100 Jahre Cäcilienchor St. Bonifatius – 1972

„Kirche und Stift Freckenhorst“ – Jubiläumsschrift zur 850. Wiederkehr des Weihestages der Stiftskirche in Freckenhorst am 04. Juni 1979

Schriftreihen des Freckenhorster Heimatvereins:
Klaus Gruhn – Zur Geschichte der Orgeln in der Freckenhorster Stiftskirche – Heft 3, Mai 1983
Klaus Döhring – Orgeln in Freckenhorst – Heft 12, Dezember 1997

Klaus Döhring – Der Orgelbau im Kreis Warendorf – QFW Band 29, Warendorf 1995